MEDIZINRECHT
Schönheitsoperationen psychisch beeinträchtigter Patient(inn)en: Vorsicht geboten

Der BGH hatte sich mit der Frage zu befassen, ob eine Schönheitsoperation auch bei Verdacht auf eine psychische Störung (hier: Dysmorphophobie) der Patientin durchgeführt werden darf. Die Betroffene litt unter einer körperdysmorphen Symptomatik mit Hang zur Autoaggression. Aus diesem Grund fügte sie sich als Jugendliche jahrelang an Armen, den Oberschenkeln und dem Gesäß Ritznarben, Schnittverletzungen und Verätzungen zu. Seit 2007 unterzog sie sich wegen ihrer psychischen Probleme zweimal pro Woche einer Psychotherapie.

Gegenüber einem Arzt für plastische und ästhetische Chirurgie äußerte sie im Jahr 2008 den Wunsch nach einer Schlupflidkorrektur. Dieser teilte ihr mit, dass ihr Augenlid nur durch Straffung der Stirnhaut gehoben werden könne. Infolgedessen entschied sich die Patientin für die Durchführung eines sog. offenen Stirnlifts, bei dem auch Zornesfalten beseitigt werden sollten. Der ästhetische Eingriff hinterließ eine sichtbare haarlose Narbe im Bereich des Haaransatzes, die sich nachträglich nicht korrigieren ließ. Die Patientin verklagte den Operateur auf Schmerzensgeld sowie die Erstattung der Operationskosten.

Das Landgericht Berlin und das Kammergericht wiesen die Klage ab. Auf die Nichtzulassungsbeschwerde der Klägerin hob der Bundesgerichtshof das Berufungsurteil auf und verwies die Sache zur neuen Verhandlung und Entscheidung an das Kammergericht zurück. Wie der BGH entschied, bedarf die Verdachtsdiagnose Dysmorphophobie grundsätzlich einer fachärztlichen oder psychologischen Abklärung. Bis dahin sollte von ästhetisch-chirurgischen Maßnahmen abgesehen werden. Dem Berufungsgericht sei es nicht gelungen, Widersprüche zwischen drei verschiedenen Gutachten zum Fall aufzuklären. Ausweislich eines von der Klägerin zur Akte gereichten Gutachtens treten Selbstwahrnehmungsstörungen in der Bevölkerung nur mit einer Ambivalenz zwischen 1 % bis 2 % auf, machen Patienten mit entsprechenden Störungen jedoch bis zu 18 % der Patienten schönheitschirurgischer Praxen aus. Bei diesen Patienten sei, so der BGH, zunächst zu prüfen, ob eine geeignete Behandlung der psychischen Erkrankung, zum Beispiel eine Verhaltenstherapie, möglich erscheint. Diese zurückhaltende Einstellung gegenüber ästhetischen Operationen bei Patientinnen und Patienten mit Dysmorphobie folge auch den Empfehlungen verschiedener Leitlinien wissenschaftlicher medizinischer Fachgesellschaften (Bundesgerichtshof, Beschluss vom 15.12.2015 – VI ZR 557/15).

Ärzten für plastische und ästhetische Chirurgie ist deshalb immer dann besondere Zurückhaltung anzuempfehlen, wenn sich aus der Persönlichkeit des Patienten Anhaltspunkte für eine Dysmorphophobie ergeben. Ästhetisch-chirurgische Maßnahmen sollten solange nicht durchgeführt werden, bis die Verdachtsdiagnose ausgeräumt ist. Bestätigt sich der Verdacht, droht eine Haftung auch bei einer lege artis erfolgten kosmetischen Operation.

 

 

 

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